Der aktuelle Impuls

Die neue Jahreslosung – altbekannt und doch ganz neu

„Siehe, ich mache alles neu.“ Kaum gehört, nicken viele innerlich schon wissend. Ach ja, den Vers kennen wir. Aus der Offenbarung. Tröstlich. Hoffnungsvoll. Bilder gibt’s dazu bereits reichlich im Kopf.

Bekannte Bibelverse haben es schwer mit uns. Sie sind wie alte Freunde: vertraut, sympathisch – aber wir hören nicht mehr richtig zu. Die Worte laufen durch unser Gehirn wie auf einer gut ausgetretenen Waldautobahn. Kein Stolpern, kein Innehalten, kein Moment mal, was heißt das eigentlich?

Neue Gedankenpfade entstehen so selten. Warum auch? Wir wissen ja schon, was kommt. Oder glauben es zumindest. Gerade bei der Jahreslosung passiert das schnell. Schön dargestellt ziert sie so manch Postkarte, Schlüsselanhänger oder Kalender. …aber ist das alles?

Unsere inneren Bilder sind mächtig. Sie helfen uns, Texte schnell zu verstehen  – und genau darin liegt die Gefahr. Denn was wir schnell verstehen, hinterfragen wir selten. Wir erkennen wieder, statt neu hinzuhören. Die vertrauten Worte beruhigen uns, noch bevor sie uns wirklich erreichen.

Die Jahreslosung lädt uns deshalb ein, den inneren Autopiloten auszuschalten. Sie will mehr sein als Dekoration. Sie möchte uns ansprechen, obwohl - oder gerade weil – wir glauben, sie längst verstanden zu haben.

„Neu“ heißt mehr als „ein bisschen frischer“ Spannend wird es, wenn wir genauer hinschauen, was hier eigentlich mit „neu“ gemeint ist. Im griechischen Urtext steht das Wort kainós.

Kainós meint nicht etwas, das einfach zeitlich neu ist, dafür gäbe es ein anderes Wort (néos). Kainós beschreibt etwas qualitativ Neues: etwas, das es so vorher noch nicht gab. Nicht die alte Welt mit neuer Tapete, sondern eine andere Wirklichkeit. Nicht repariert, sondern verwandelt. Nicht Update 3.1, sondern ein komplett neues Betriebssystem.

Wenn Gott also sagt: „Ich mache alles neu“, dann geht es nicht um kosmetische Korrekturen oder einen göttlichen Frühjahrsputz. Kein Staub unter dem Teppich, keine schnelle Verschönerung. Es geht um echte Erneuerung überraschend, tiefgreifend, vielleicht sogar irritierend. So neu, dass unsere alten Bilder dafür gar nicht ausreichen.

Und genau deshalb können vertraute Formulierungen zum Hindernis werden. Sie geben uns das Gefühl, alles verstanden zu haben, noch bevor wir wirklich hingehört haben. Die Jahreslosung lädt uns ein, diese Bequemlichkeit freundlich, aber bestimmt zu verlassen. Vielleicht hilft es, den Vers einmal so zu hören, als wäre er ganz neu. Ohne fromme Filter. Ohne die üblichen Assoziationen. Einfach stehen bleiben und staunen: Alles neu? Wirklich alles? Frisch und neu, wie es die Passion Translation sogar formulieren würde? Auch das, was ich längst abgeschrieben habe? Mich inbegriffen? Neu empfangen – und vorher loslassen.

Wo etwas wirklich kainós werden soll, ist oft kein Platz für alles Alte. Neues empfangen klingt wunderbar – fast wie ein Geschenk auspacken. Weniger beliebt ist der Moment davor: das Aufräumen. Denn manchmal hält das Bekannte unsere Hände so fest besetzt, dass für das Neue schlicht kein Platz bleibt. Das Alte ist ja nicht unbedingt schlecht. Es ist vertraut, erprobt, vielleicht sogar liebgewonnen. Aber Vertrautheit kann schwer werden. Wer krampfhaft festhält, kann nichts empfangen. Oder anders gesagt: Gott schenkt Neues nicht in bereits randvolle Schubladen.

Loslassen heißt dabei nicht vergessen oder wegwerfen, was einmal wichtig war. Es kann heißen, sich innerlich zu lösen von festen Bildern, fertigen Antworten oder dem sicheren „So war es schon immer“. Vielleicht sogar von dem Gedanken, Gott müsse doch genau so handeln, wie wir es erwarten.

Manchmal halten wir auch an Schwerem fest – an Verlusten, Enttäuschungen oder altem Schmerz –, weil es wenigstens vertraut ist. Es tut weh, aber es ist bekannt, und so haben wir zumindest noch etwas in den Händen.

Die Einladung der Jahreslosung: Manchmal beginnt das Neue genau dort, wo unsere gewohnten Worte nicht mehr greifen. Wo wir merken: Dieser Vers ist größer als mein Bild davon. Vielleicht ist das die Geheimkraft der Jahreslosung – dass sie uns nicht bestätigt, sondern überrascht.

Das Neue, von dem die Jahreslosung spricht, braucht offene Hände. Und offene Hände entstehen oft erst, wenn wir den Mut haben, etwas abzulegen. Nicht als Verlust, sondern als Einladung. Denn wer loslässt, schafft Raum – und Raum ist bekanntlich der Lieblingsarbeitsplatz Gottes.

Also: Augen auf. Autopilot aus. Gott ist offenbar noch lange nicht fertig mit dem Neumachen.

Eure

Elisabeth Vogel

 

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